Samstag, 14. Juli 2012

Verletzt durch einen Anderen II

Uwe Habricht hat in seinem Kommentar zu meinen Beitrag „Verletzt durch einen Anderen“ einige sehr interessante und weiterführende Gesichtspunkte vorgebracht. Ich mag seinen Kommentar hier sehr empfehlen - und auch nochmals aus meiner Sicht auf das Thema eingehen:

Für mein Empfinden ist das was ich schrieb, so etwas wie der erste Schritt,
und das was du, Uwe, schriebst der ein-einhalbe oder zweite Schritt.

Seit ich im April zum ersten Mal mit der vom mir beschriebenen Sichtweise in Kontakt kam, dass in einer Verletzungssituation in Wirklichkeit ja BEIDE verletzt sind, bin ich fasziniert von diesem Gedanken.
Er hat für mich etwas sehr öffnendes, weil er aus der Trennung („Der blöde Andere verletzt mich“) wieder in die Verbindung („Dem Anderen geht es (vielleicht) genauso“ oder „Aus irgendeinem Grund meint der Andere, sogar sich vor mir schützen zu müssen“) führt.
Eigentlich ist dies eine Sichtweise, die einem sofort wieder für den Anderen öffnet, und es fast unmöglich macht, innerlich weiterhin in seinem Film zu bleiben.

Denn selbst wenn man in diesem Augenblick noch garnicht weiß, wer den nun wirklich aggressiv attackiert, wer nun im Film ist, wer denn nun tatsächlich projiziert – durch diese Sichtweise landet man erst mal wieder außerhalb des Konflikts.


Selbst im Kleinen, also wenn gar kein so großer Konflikt besteht, kann man dies anwenden. So ging es mir jedenfalls bei einem Kollegen, der für mein Empfinden oft ziemlich arrogant reagiert, wenn man etwas mit ihm besprechen will.
Früher habe ich dann manchmal angegriffen gefühlt und auch eine schnippische Bemerkung gemacht.
Das letzte Mal kam mir dann der Gedanke, dass er wohl, warum auch immer, meint, sich durch dieses Verhalten schützen zu müssen. Da war für mich sofort „Angriff“ und „Gegenangriff“ weg und ich hatte einfach nur ein neutrales bis positives Empfinden ihm gegenüber.....


Aber jetzt nochmals auf die größeren Konflikte in Partnerschaften oder engen Freundschaften zurückkommend: Ich denke, spätestens wenn man die eingefahrene Situation ein wenig lockern konnte, dann werden all die von dir, Uwe, beschriebenen Punkte wichtige Themen.


Uwe, magst du noch etwas zur Thematik „Abgrenzungsproblem“ sagen?
Für mich ist ein „Abgrenzungsproblem“, wenn jemand im Kontakt zu anderen Menschen den Kontakt zu sich selbst verlieft. Oder was meinst du mit diesem Begriff?

Kommentare:

  1. (1/2)

    Ja, Tao, das ist treffend formuliert. Als ein Abgrenzungsproblem würde ich beschreiben, wenn jemand im Kontakt mit anderen nicht „bei sich ist“, und damit auch keinen echten Kontakt zum Anderen herstellen kann. Ihm fehlt der Kontakt zu sich selbst und zu seinen Gefühlen.

    Wir alle lernen ja dieses Bei-sich-sein in Primärbeziehungen zu unseren Eltern oder zu anderen wichtigen Bezugspersonen. Entwickelt sich ein Kind im Umfeld von Personen, die wiederum auch in diesem Sinne von sich selbst „abgespalten“ sind, dann wird dieses Kind emotional besetzt für die Bedürfnisse seiner Bezugspersonen. Ihm fehlt damit die sichere Bindung zu den Bezugspersonen.

    Sicher fühlt sich ein Kind bei Erwachsenen, die ihrerseits die Verantwortung für ihre Bedürfnisse und Gefühle übernehmen gelernt haben.

    Es gibt viele Gründe, warum Eltern den Kontakt zu sich selbst verloren haben oder nicht entwickeln konnten, vor allem liegen viele dieser Gründe in kollektiven traumatischen Erlebnissen wir Krieg, Katastrophen oder Verluste. Dann sind Eltern und Kinder „ aus der Ordnung gefallen“, Eltern stehen ihren Kindern dann nicht mehr im vollen Umfang zur Verfügung; es bilden sich „Überlebenssysteme“, in denen Kinder oft auch Partner oder Eltern ihrer Eltern unbewusst ersetzen müssen. Dieses Thema ist sehr weitläufig, ich kann es hier nur anreißen.

    Fehlt jedoch die sichere Bindung zu diesen wichtigen Personen (und sicher heißt hier: das eigene Autonomiestreben des Kindes nicht gefährdend, nicht durch die Bindungsperson emotional besetzt sein), so lernt das Kind im Laufe seiner Entwicklung nicht, sich und seine Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken.

    Es ist seit früh an Projektionen seiner Bezugspersonen ausgesetzt und darf seiner eigenen Wahrnehmung nicht Raum geben, weil in ihm etwas anderes gesehen wird als das, was es ist oder weil es Bedürfnisse anderer erfüllen muss, zu denen seine Bezugspersonen keinen Kontakt haben und nicht für sich integrieren konnten.

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  2. (2/2)

    Diese sogenannten fusionellen Beziehungen, in denen jemand groß werden muss, erlauben keine oder nur sehr schwer die Individuation und die Entwicklung eines Selbst(wert)gefühls. Es entwickelt sich jedoch ein enormes Schuldgefühl, das immer dann aktiviert wird, wenn sich derjenige um Autonomie bemüht. Das ist die Grundlage des „Abgrenzungsproblems“

    Abgrenzen ist eigentlich fast das falsche Wort. Normalerweise gehören Grenzen zu unserer inneren Struktur. Konnten diese Differenzierungen (das bin ich und das ist mein Gegenüber) nicht ausgebildet werden, dann entwickelt sich in Kontakt mit anderen Menschen eine latente Angst, sich selbst wieder zu verlieren. Jede Beziehungsaufnahme beinhaltet diese permanente Bedrohung und wo sich die einen ohne Anstrengung mitteilen können, wird es für Menschen mit dem "Abgrenzungsthema" durch ein Schuldgefühl enorm erschwert. Sie treten mit Ersatzverhalten wie Angriffen, Vorwürfen oder Opferverhalten auf; Strategien, mit denen sie ein von innen kommendes NEIN umgehen, weil sie gelernt haben, dass sie dies nicht dürfen. Denn ein NEIN ist dann mit eben mit diesen globalen Schuldgefühl gekoppelt. Sie müssen den Anderen anders „auf Abstand bringen“.

    Insofern finde ich deinen Gedanken auch sehr schön, diese Angst im Anderen zu sehen, diese wahrzunehmen. Dann muss ich das Verhalten des Anderen nicht mehr auf mich beziehen, sondern kann es als Angst des Anderen – nicht vor mir, sondern vor dem eigenen Identitätsverlust- erkennen. Es entsteht eine Empathie, ich muss mich auf dieses Muster nicht mehr einlassen, sondern kann auf einer anderen, mitfühlenden Ebene darauf antworten. Jedoch muss ich mich vorher selbst zum Problem des Anderen auf Abstand bringen um dann nachspüren zu können, was es für uns beide braucht, damit ich nicht immer wieder als Angstauslöser für den Anderen fungiere, sondern er mich sehen kann als Person, die seine Identität/ Integrität nicht bedrohen will – sondern sozusagen von gleich zu gleich im ebenwürdigen Kontakt treten will. Gleichzeitig besteht auch die Herausforderung, dem Anderen nichts aufzuzwingen aus dieser „Metaebene“ heraus, sondern dessen Problem auch als SEIN Problem zu erkennen und die Verantwortung bei demjenigen zu belassen. Gleichzeitig kann ich bei mir schauen, mit welchen Anteilen oder Mustern ich besonders geeignet zu sein scheine, bei jemanden diese Angst offenbar immer wieder zu aktualisieren. So können wir beide -bestenfalls- durch diese Begegnung etwas über uns selbst erfahren.

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  3. ergänzend ...

    Habe ich einen Konflikt mit jemanden, der sich immer in denselben destruktiven Mustern von Verletzung und Ablehnung zeigt, so habe ich auch die Chance, bei mir zu schauen, was mir hier durch den Anderen gespiegelt wird. Vielleicht kann ich meine Grenzen nicht klar genug ausdrücken, oder ich benutze den Anderen unbewusst für meine Projektionen?

    Bin ich bereit zu verstehen, was sich hier zwischen uns für eine Wahrheit über mich zeigt, dann kann ich mich anders verhalten, ich muss nicht mehr unbewusst reagieren, sondern kann mich würdevoll abgrenzen. Dabei schließt dies ja nicht ein anderes und neues Beziehungsangebot an den Anderen aus.

    Kann ich dem zustimmen, dass mir hier auch etwas über mich gezeigt wird und kann ich mir dies anschauen? Kann ich damit sein, damit ich es verstehen kann?

    Diese Art von verletzenden Beziehungen stellen uns vor eine besondere Herausforderung. Den Anderen, wie du schreibst Tao, als ebenfalls verletzt zu sehen ist ein Weg, sich auch den eigenen Verletzungen, der eigenen Verletzlichkeit zu stellen und gleichzeitig zu lernen, ihr zuzustimmen. Denn erst dann kann ich mich schützen, ohne in den Gegenangriff gehen zu müssen.

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  4. Uwe, ich danke dir für deine interessanten Beiträge.

    Besonders was du über die Eltern und über das Thema Schuld schreibst finde ich sehr hilfreich, weil da einiges auch auf mich zutrifft. Meine Eltern hatten ja beide, als Kinder bzw. Jugendliche sehr traumatische und über längere Zeit andauernde Nachkriegs-Erlebnisse (ich weiß nicht, ob du das in meinem Blog hier gelesen hast). Jedenfalls hat sich in meinen bisherigen Familienaufstellungen sehr deutlich gezeigt, dass es ihnen aus diesem Grund nicht möglich war, als Eltern richtig präsent zu sein.
    Ich werde mir also das was du schriebst noch ein paarmal zu Gemüte führen.....

    Wenn man es mit der "Schuld-Brille" betrachtet, dann hängt Nein-Sagen eigentlich immer (ein bisschen) mit Schuld zusammen.
    Vielleicht wäre es hilfreich, dem Vorhandensein dieser Art von "Schuld" einfach zuzustimmen... - Denn wenn man mit dieser Schuld in Einklang ist, dann braucht man nicht den (vielleicht unbewussten) Versuch starten, sie durch Verzicht auf Abgrenzung zu vermeiden...

    Einen lieben Gruß

    Tao

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